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HFY Rust

Lyr'sa Ky'Alur

Die angeblich fortgeschrittenen Aliens verstanden nicht, warum Menschen ein Spiel wie RUST erfunden hatten – bis sie auf einer Insel in der Karibik strandeten

Die Menschen hatten viele Spiele erfunden.

Schach war ein Spiel über Strategie.

Go war ein Spiel über Gebietskontrolle.

Poker war ein Spiel über Wahrscheinlichkeiten, Täuschung und die Fähigkeit, einem Fremden ins Gesicht zu lügen, während man hoffte, dass er nicht bemerkte, dass man keine Ahnung hatte, was man tat.

Und dann gab es RUST.

Die Kharaxi hielten RUST für den vielleicht größten Beweis menschlicher kultureller Unterentwicklung.

„Sie beginnen mit nichts“, erklärte Professor Vael-7 während seiner Präsentation vor dem Hohen Rat. „Sie sammeln Steine. Sie schlagen Bäume. Sie errichten primitive Unterkünfte. Anschließend töten sie sich gegenseitig und stehlen einander die Steine.“

Ein Ratsmitglied hob einen Tentakel.

„Warum?“

„Das ist das Spielziel.“

„Und wie gewinnt man?“

Vael-7 blätterte durch seine Daten.

„Offenbar indem man irgendwann aufhört.“

Betretenes Schweigen.

„Das ist… alles?“

„Nein. Es gibt auch Feuerwaffen.“

Der Rat war sich einig: Die Menschheit war faszinierend, aber eindeutig noch nicht bereit für interstellaren Kontakt.

Dann stürzte das Forschungsschiff Klarheit des Gedankens ab.


Sie wachten auf Sand auf.

Professor Vael-7 öffnete die Augen und sah Palmen.

Hinter ihm lag das Wrack seines Schiffes.

Vor ihm lag das Karibische Meer.

Und irgendwo im Dschungel schrie jemand:

„CYKA! CYKA! CYKA!“

Vael-7 setzte sich auf.

„Was war das?“

„Ein Raubtier“, sagte seine Assistentin.

„Nein.“

„Ein Mensch?“

„Vermutlich.“

Dann hörten sie Schüsse.

RATATATATATAT.

Ein Projektil schlug drei Meter neben ihnen in den Sand.

Die Kharaxi erstarrten.

Aus dem Dschungel kam eine Stimme:

„DON'T MOVE!“

Vael-7 hob langsam alle vier Hände.

„Wir ergeben uns.“

Eine zweite Stimme flüsterte:

„Brat, they don't speak Russian.“

Eine Pause.

„They probably don't understand English either.“

„Shoot them?“

„No, wait.“

Drei Jugendliche traten aus dem Gebüsch.

Alle waren bewaffnet.

Alle trugen improvisierte Rüstung.

Einer hatte einen Kochtopf auf dem Kopf.

Der größte von ihnen hielt ein Sturmgewehr.

Er betrachtete die Aliens.

„Bro.“

„Bro?“

„We got aliens.“

„No way.“

„Bro.“

„BRO.“

Die drei rannten davon.

Vael-7 sah ihnen nach.

„Ich glaube, wir wurden entdeckt.“

Seine Assistentin nickte.

„Sollten wir Kontakt aufnehmen?“

Aus dem Dschungel ertönte:

„WHO WANTS TO SEE THE ALIENS?“

Dann begann irgendwo Musik zu spielen.


Die Menschen nannten sich selbst Spieler.

Sie erklärten den Kharaxi die Situation.

Die Insel gehörte niemandem.

Es gab keine Regierung.

Keine Polizei.

Keine Gerichte.

Keine Infrastruktur.

Keine vernünftige Erklärung dafür, warum vierzig Menschen auf einer tropischen Insel lebten und sich gegenseitig mit primitiven Waffen bekämpften.

„Aber ihr habt doch genug Ressourcen für alle“, stellte Vael-7 fest.

Der Jugendliche mit dem Kochtopf sah ihn an.

„Ja.“

„Dann könntet ihr kooperieren.“

„Ja.“

„Warum tut ihr das nicht?“

Der Junge zeigte auf einen anderen Strandabschnitt.

Dort stand eine gewaltige Festung.

„Die haben unseren Eimer gestohlen.“

Vael-7 wartete.

„Und?“

„Unseren. Eimer.“

„Was war darin?“

„Nichts.“

„Warum—“

„UNSER EIMER.“

Vael-7 verstand.

Zum ersten Mal begann er zu begreifen, was RUST eigentlich war.

Nicht ein Spiel.

Eine Warnung.


Die Kharaxi versuchten, eine friedliche Basis aufzubauen.

Sie sammelten Holz.

Sie bauten eine kleine Hütte.

Sie legten Nahrungsvorräte an.

Sie installierten primitive Fallen.

Innerhalb von zwei Stunden wurde ihre Basis von fünf Menschen angegriffen.

„Warum?“, fragte Vael-7.

„Loot.“

„Wir haben keine Waffen.“

„Loot.“

„Wir haben nicht einmal Metall.“

„LOOT.“

Die Menschen stürmten die Hütte.

Sie nahmen drei Steine, zwei Kokosnüsse und einen halben Pilz.

Einer blieb stehen.

„Nice base.“

Dann zündete er sie an.

Die Kharaxi flohen.


Am nächsten Morgen fanden sie einen anderen Spieler.

Er hieß Dmitri.

Zumindest behauptete er das.

Er sprach Englisch.

Sehr schlechtes Englisch.

„Hello alien.“

„Hallo, Dmitri.“

„You want team?“

Vael-7 nickte.

„Sehr gerne.“

Dmitri grinste.

„Good. We kill racist Russian teenagers.“

Vael-7 blinzelte.

„Warum?“

Dmitri zeigte in Richtung Dschungel.

„They killed my horse.“

„Du hattest ein Pferd?“

„No.“

„Dann—“

„Exactly.“

Vael-7 begann, sich Sorgen zu machen.


Die nächsten drei Tage veränderten seine Meinung über die Menschheit vollständig.

Er sah Menschen, die stundenlang Steine abbauten, nur um daraus größere Steine zu bauen.

Er sah Menschen, die Häuser errichteten und anschließend Fenster entfernten, weil jemand durch ein Fenster schießen könnte.

Er sah Menschen, die Fallen vor ihre Türen bauten.

Menschen, die Fallen vor den Fallen bauten.

Menschen, die dritte Fallen bauten, damit niemand die zweite Falle entschärfen konnte.

Er sah einen Mann drei Stunden lang eine Tür bewachen.

„Was ist dahinter?“, fragte Vael-7.

„Eine weitere Tür.“

„Und dahinter?“

„Eine Kiste.“

„Was ist in der Kiste?“

„Noch eine Tür.“

Vael-7 setzte sich.


Dann kam die Nacht.

Über der Insel ging ein Gewitter nieder.

Die Spieler versammelten sich in ihren Basen.

Die Kharaxi saßen in einem Bunker und lauschten dem Regen.

Plötzlich hörten sie Schritte.

„Wer ist da?“

Keine Antwort.

Dann ein Flüstern.

„Open door.“

Vael-7 öffnete die Tür einen Spalt.

Draußen stand Dmitri.

Neben ihm zwölf weitere Spieler.

Alle bewaffnet.

„Was macht ihr?“

Dmitri grinste.

„Raid.“

„Wen?“

Dmitri zeigte auf die gewaltige Festung am anderen Ende der Insel.

„Them.“

„Warum?“

Dmitri überlegte.

„They have too much stuff.“

„Und was macht ihr mit dem Zeug?“

„We get more stuff.“

„Wofür?“

„So nobody else gets it.“

Vael-7 starrte ihn an.

Seine Assistentin flüsterte:

„Professor?“

„Ja?“

„Ich glaube, ich verstehe jetzt RUST.“

Vael-7 nickte langsam.

„Ich auch.“


Der Angriff begann um 02:13 Uhr.

Raketen flogen durch die Nacht.

Schüsse hallten über die Insel.

Menschen schrien.

Türen explodierten.

Eine Palme wurde aus völlig unbekannten Gründen zerstört.

Dmitri rannte mit einer Fackel durch den Dschungel und brüllte:

„FOR THE EMPIRE!“

„Welches Empire?“, fragte Vael-7.

„NO IDEA!“

Die Kharaxi halfen.

Nicht weil sie die Menschen mochten.

Nicht weil sie deren Verhalten verstanden.

Sondern weil sie mittlerweile ebenfalls wütend waren.

Die Jugendlichen hatten ihnen am ersten Tag ihren Eimer gestohlen.

Und niemand hatte ihnen den Eimer zurückgegeben.


Als die Sonne aufging, war die Festung zerstört.

Die Angreifer standen in den Ruinen.

Dmitri hielt einen Eimer hoch.

„WE WIN!“

Vael-7 betrachtete das Objekt.

„Ist das unser Eimer?“

Dmitri sah hinein.

„No.“

„Wo ist unser Eimer?“

Dmitri zeigte auf einen brennenden Holzstapel.

„There.“

Vael-7 schwieg.

Dann begann er zu lachen.

Zuerst leise.

Dann immer lauter.

Seine Assistentin sah ihn erschrocken an.

„Professor?“

„Ich habe gerade etwas verstanden.“

„Was?“

Vael-7 wischte sich eine Träne aus dem Auge.

„Die Menschen haben RUST nicht erfunden, weil sie primitiv sind.“

Er zeigte auf die rauchenden Ruinen.

„Sie haben es erfunden, weil sie Menschen sind.“


Zwei Wochen später wurde das Forschungsschiff geborgen.

Der Hohe Rat erwartete einen Bericht über die primitiven Bewohner der Erde.

Vael-7 stand vor dem Rat.

„Nun?“

Er räusperte sich.

„Ich muss unsere bisherige Einschätzung korrigieren.“

„Sind Menschen intelligent?“

„Ja.“

„Sind sie friedlich?“

„Nein.“

„Sind sie fortgeschritten?“

Vael-7 dachte lange nach.

„Technologisch.“

„Und kulturell?“

Er sah auf seine Notizen.

Darauf stand:

EIMER.

„Das ist kompliziert.“

Der Rat wartete.

„Sollten wir diplomatische Beziehungen aufnehmen?“

Vael-7 schüttelte den Kopf.

„Noch nicht.“

„Warum?“

„Wir müssen zuerst herausfinden, was ein ‚wipe‘ ist.“

Im selben Moment erschien auf dem Bildschirm eine Nachricht.

SERVER WIPE IN 00:03:00

Vael-7 wurde blass.

„Oh nein.“

„Was?“

„Sie verlieren alles.“

„Das ist bedauerlich.“

Vael-7 stand auf.

„Nein.“

Er griff nach seinem Kommunikationsgerät.

„Das ist Krieg.“


Drei Minuten später

Die Kharaxi-Flotte sprang in den Orbit.

Auf sämtlichen Bildschirmen erschien dieselbe Nachricht:

SERVER WIPE IN 00:02:59

Dmitri sah zum Himmel.

Er hob seine Waffe.

„ALIENS!“

Vael-7 antwortete über Funk:

„DMITRI.“

„YES?“

„WIR HABEN EIN PROBLEM.“

„WHAT?“

„WIR HABEN KEINEN EIMER.“

Stille.

Dann:

„…

BRO.“

Und irgendwo auf der Insel begann jemand zu schreien:

„CYKA BLYAT, THE ALIENS STOLE OUR LOOT!“

Der Krieg dauerte 47 Jahre.

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