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Zwischen Feuer und Wind

Yllaria

Die Waldelfe lehnte mit ihrem Rücken gegen den Stamm einer mächtigen Eiche. Ihre grünen Augen waren auf die Ebene jenseits der Baumgrenze gerichtet. Felder und Wiesen, die in ein sanftes Mondlicht getaucht waren. Ein Bauernhof, in dessen Inneren drei Herzen gleichmäßig schlugen. Ihre eigene Magie floss derweil zwischen den Wurzeln der Bäume, kleine Manafäden verbanden die alten Verbindungen, die durch die Feuerwesen zerstört worden waren. Sie glaubte nicht daran, dass die Aufgabe der Dryade im Austausch für die Rettung von Nathan ein Zufall gewesen war. Nicht an diesem Ort. Als würden ihr ihre neuen Möglichkeiten, aber auch die Verantwortung, die daraus erwuchs, ständig vor Augen geführt werden. Ob die Dryade die Fäden des Schicksals bereits als eine leise Vorahnung gespürt hatte? Vielleicht mussten einige Dinge unweigerlich eintreten und es stellte sich lediglich die Frage nach dem Wann.

Als sie jetzt in die Stille lauschte, fuhr sie sich angespannt durch ihre Haare. Sie wusste, was sie tun musste, und dass sie den Moment nur hinauszögerte. Sie würde ihre Haare verstecken müssen. Also beugte sie sich hinunter zu ihrer Tasche, um nach einem Haarband zu suchen, als ihre Finger auf weichen Stoff stießen. Nathans Umhang. Kurz hielt sie inne und fuhr mit den Fingern die Säume entlang. War auch er ein Vorbote dieses Wegs? Als sie den Umhang aus der Tasche zog und um ihre Schultern legte, umfing sie sofort sein Geruch. Bewusst atmete sie ihn ein, erinnerte sich daran, wie selbstverständlich die Energie durch ihn floss. Langsam ließ sie auch ihre inneren Barrieren fallen und das verzehrende Feuer ihren Körper einnehmen. Das Gefühl war weiterhin unangenehm, wie Hitze, die durch ihre Adern kroch, verzehrend, voller Energie und seltsamerweise erhaltend. Eine Wahrnehmung, die einen Widerspruch in sich selbst bildete. Kurz atmete sie noch einmal bewusst ein und aus, nur um sich zu beruhigen. Sie konnte diesen Widerspruch aushalten, nicht nur in sich selbst, sondern auch im Gegensatz zu ihrer eigenen Magie und der des La. Vermutlich lag genau darin die Schwierigkeit im Umgang mit der Gleichzeitigkeit von Gegensätzen: Sie ließen sich manchmal nur schwer ertragen, solange man mit ihnen haderte. Entschlossen stieß die Waldelfe sich von dem Baum ab und lenkte ihre Schritte in Richtung der offenen Ebene. Wenn sie jetzt nicht aufbrach, würde sie es vermutlich nie tun. Erst zögerlich, aber dann immer schneller trugen ihre Füße sie durch die nächtliche Weite.

Den Balor und die Feuerwesen zu finden, stellte aufgrund seiner gewaltigen Größe keinerlei Schwierigkeit dar. Vorsichtig näherte Yllaria sich der Gruppe. Solange sie ihre eigene Magie unterdrückte und das rote Feuer unaufhörlich in sich zirkulieren ließ, schienen die Wesen keinerlei Notiz von ihr zu nehmen. Schnell erschuf sie ein Abbild des Manaknotens des Balors in einem ihrer Kopfräume. Ein abgeschlossener Bereich ihres Geistes, den sie mittlerweile mühelos aufrechterhalten konnte. Ein Abbild des Innersten dieser bösartigen Kreatur, geboren in den Tiefen der Dunkelheit und nun geborgen in ihrem Geist, an einem Ort erschaffen aus Licht und Frieden. Ein letztes Mal glitt ihr Blick über die gewaltige Gestalt. Fast empfand sie Mitleid. Vielleicht war der Tod auch eine Erlösung, nicht nur vor seiner Zerstörung, sondern vielleicht auch für ihn selbst. Vor jener Dunkelheit, die ihn so vollständig durchdrungen hatte, dass er schließlich nur noch ihr Abbild sein konnte.

Schließlich wandte Yllaria sich ab und machte sich auf den Rückweg nach Yew. Als sie die Reichweite der Feuerwesen hinter sich gelassen hatte und wieder auf die weite Ebene hinaustrat, strich ein ungewöhnlicher Luftzug über sie hinweg. Ein Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Sie wusste inzwischen, was das bedeutete. Kaum hatte sie sich darauf eingestellt, spürte sie einen kleinen mentalen Schubs. Von einem Augenblick auf den anderen schwebte sie bereits in der Luft. Ihre kleinen Flügel fingen den Wind ein und gemeinsam mit dem Windgeist erhob sie sich über die grüne Ebene. Über ihnen spannte sich nichts als der Sternenhimmel. Yllaria überließ sich dem Wind. Mal schwebten sie ruhig über die weiten Wiesen, mal schossen sie mit atemberaubender Geschwindigkeit über die Wipfel der Bäume. Die Freude der Windsbraut und dieses tiefe Gefühl von Freiheit erreichten die Waldelfe wie ein fröhliches Blubbern, das sich in Wellen vom kleinen Geist ausbreitete. Dieser überschwänglichen Freude, getragen von nichts als wilder Freiheit, konnte man sich kaum entziehen und das wollte die Vampirin auch gar nicht. Als ihr Zuhause schließlich in Sicht kam, sanken sie gemeinsam wieder in Richtung Boden. Die Rückverwandlung gelang ihr inzwischen beinahe augenblicklich. Das rote Feuer in ihren Adern sank auf ein kaum wahrnehmbares Maß zurück, bis sie wieder in ihrer vertrauten Gestalt auf dem Waldboden stand. Dankbar senkte Yllaria den Kopf tief vor dem Windgeist. Nicht allein für seine Hilfe. Für das Geschenk dieses Augenblicks. Lange hatte sie sich nicht mehr so frei gefühlt. Noch einmal erreichte sie die tiefe Freude der Windsbraut, bevor deren Gestalt sich langsam im letzten Windhauch verlor. Yllaria blickte ihr noch einen Augenblick nach. Vielleicht hatte in dieser Nacht mehr zueinandergefunden, als es auf den ersten Blick schien.

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